Heute war es so weit. Schon vor der Glastür des Plasmacenters schluckte Tom. Während der Anmeldung, beim Blutdruckmessen und während er den Fragebogen ausfüllte, sah er immer wieder in seinen offenen Rucksack. Zum x-ten Mal versicherte er sich, dass der Blume darin nichts geschehen war.

„Nur Eine?“, hatte die Floristin nachgefragt und Tom hatte unsicher geschaut, dann aber genickt. Klaras Worte waren ihm noch im Ohr: „Auf jeden Fall eine einzelne Blume. Eine ist romantisch, ein Strauß irgendwie verdächtig. Und bloß kein Rot und auf keinen Fall Rosen. Viel zu abgedroschen.“ Sie hatte resolut auf seinen Notizzettel gezeigt: „Schreib auf“.

Tom schrieb brav: Eine Blume. Kein Rot. Keine Rose.

„Und keine schwülstigen Sätze oder so. Am besten dein Name und deine Nummer dazu. Wenn sie will, macht sie dann schon. Alles klar?“ Tom hatte genickt.

An der Zimmertür hatte Klara sich noch mal umgedreht. „Hab sie neulich im Plasmacenter bei der Spende gesehen. Ist die nicht ein bisschen alt für dich? Sind bestimmt 5 Jahre Unterschied.“

6 Jahre, hatte Tom gedacht, aber bloß trotzig mit den Achseln gezuckt. Schwestern nervten manchmal. Aber Schwestern waren eben auch Frauen. Frauen, die wussten, was andere Frauen mochten und was nicht. Also brauchte man Schwestern manchmal.

Er wusste, dass Julie 26 war. Das hatte sie damals zu der Mitarbeiterin im Plasmacenter gesagt. Tom hatte auf der Liege daneben alles mit angehört, seine Kopfhörer ohne Musik und nur zur Tarnung in den Ohren, während er sich auf dem Sitz ausstreckte und versuchte, sich größer zu machen als er war. Irgendwie älter auszusehen als gerade mal 20.

Julie war ihm an dem Tag gleich aufgefallen. Braune Locken, große dunkle Augen,  schwarz gekleidet.

Cool, hatte Tom gedacht und nicht den Blick von ihr wenden können. Es war offenbar ihr erstes Mal bei der Plasmaspende. Die Mitarbeiterin im Plasmacenter erklärte ihr gerade ausführlich das Gerät. Julie wirkte aufgeregt. Und Tom wurde es plötzlich auch. Vielleicht konnte er ihr etwas erklären? Irgendwie helfen? Schließlich kam er schon seit Monaten hierher. Seit sie sich damit auseinandergesetzt hatten, was die Spenden für Menschen mit Immundefekt bedeuten, gingen Klara und er regelmäßig zur Spende. Vielleicht konnte er ihr also behilflich sein?

Da hörte er ihren Namen. Julie.

Julie. Julie. Julie, wiederholte er in seinem Kopf. Damals hatte er sofort an Sommer gedacht. An Wiesen und blauen Himmel, summende Bienen und Schmetterlinge.

Apropos Schmetterlinge. Die waren jetzt auch wieder da.

Er betrat den Spenderaum und schaute sich um. Ja, da war sie. Heute war Donnerstag. Sie war jeden zweiten Donnerstag da und jetzt strahlte sie, als sie ihn sah und er fühlte, wie sein Gesicht warm wurde. Sie war wohl schon fertig und bekam gerade den Druckverband angelegt. Mist, dachte er, ich bin zu spät.

„Hi“, sagte er und räusperte sich.

„Da bist du ja“, sagte sie. „Ich habe schon gewartet.“

Sie holte drei rote Rosen hinter ihrem Rücken hervor.

„Hier für dich. Zum Valentinstag.“ Sie lächelte. „Wollen wir vielleicht mal was trinken gehen?“

Tom war so überrascht, dass er lachen musste. Das verwirrte sie, aber als er sagte: „Echt total gerne“, lachte sie auch.

Zu Hause holte er die weiße Tulpe aus dem Rucksack heraus und gab sie Klara: „Brauchte ich irgendwie nicht. Aber danke für deine Tipps.“

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